Zeitzeuge

Arvid Schnauer

Rostock, Mecklenburg-Vorpommern · Brandenburg · Hamburg · Bremen · Schleswig-Holstein
* 1937

Mein Leben lang haben mich bei meinem Engagement für Glauben und Kirche besonders die sozialen Auswirkungen der Gerechtigkeit Gottes angetrieben.

Themen
  • deutsche Einheit
  • Mauerfall 9. November 1989
  • Kirche
  • historische Aufarbeitung
  • Umbruchserfahrungen seit 1989/90

... Im alltäglichen Umgang mit Schwachen und Bedrückten, Unterlegenen und Leidenden muss sich Glauben beweisen. Insofern waren es aus meiner Sicht weniger die religiösen Komponenten des Glaubens als die sozialen Auswirkungen, die in den Zeiten der Friedlichen Revolution auch viele Nichtgläubige beeinflussten. Soziales und gesellschaftliches Engagement sind für mich Geschwister des christlichen Glaubens.

Biografisches

1937 geboren und aufgewachsen in Schwerin
1955 Abitur
bis 1960 Theologiestudium in Rostock
1961 Gemeindepastor in Blankenhagen, ab 1974 in Rostock-Südstadt
ab 1983 mit meiner Ehefrau Aufbau einer evangelischen Kirchgemeinde im Neubaugebiet Rostock-Groß Klein
1983 Ortsorganisator des Kirchentages Rostock im Lutherjahr "Vertrauen wagen"
ab November 1989 kirchlicher Vertreter im "Gerechtigkeitsausschuss der Hansestadt Rostock", ab Mai 1990 Vorsitzender in diesem Ausschuss der Bürgerschaft
1994 Eintragung in das Ehrenbuch der Hansestadt Rostock
1996 Verleihung des Kulturpreises der Hansestadt Rostock "in Würdigung seines Bemühens um die praktische Aufarbeitung der Vergangenheit und um das kulturelle Erbe im Rostocker Nordwesten"
Juni 2002 verantwortlicher Mitorganisator des ersten Kirchentages für Mecklenburg-Vorpommern nach der Friedlichen Revolution in Neubrandenburg unter dem Thema "MIT Menschlichkeit"
2006 rund um den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm bei Rostock: Mitarbeit in der Arbeitsgruppe "Gottesdienstliche und spirituelle Angebote" des Koordinierungskreises der Kirche
seit 2006 Sprecher des Agenda 21-Rates der Hansestadt Rostock

Arvid Schnauer steht auch für Zeitzeugengespräche außerhalb von Mecklenburg-Vorpommern zur Verfügung.
 

Veröffentlichungen

Arvid Schnauer: DDR-Unrecht wiedergutmachen – neues Unrecht aufdecken. Dokumentation der Arbeit des Gerechtigkeitsausschusses der (Hanse-)Stadt Rostock in den Prozessen des politischen Umbruchs 1989-1994. Rostocker Theologische Studien, Band 32. Berlin: LIT Verlag, 2019.
Arvid Schnauer: Zur Arbeit des Rostocker Gerechtigkeits-ausschusses Teil 1: 1989/90 - Erinnerungen, Notate, Dokumente (2009) und Teil 2: 1990-1994 (2011), beide erschienen bei der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Kurzbeschreibung

Arvid Schnauer war dabei, als Kerzen und Gebete die bis an die Zähne bewaffnete Staatsmacht zum Aufgeben brachten und die Demokratie laufen lernte. Nach seinem Theologiestudium wirkte er seit 1961 als Gemeindepastor und arbeitete ab 1963 nebenamtlich in der (Ober-)Schülerarbeit im Landesjugendpfarramt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Als Kollege und Nachbar von Joachim Gauck engagierte sich Arvid Schnauer in der Jugend- und Friedensarbeit: 1983 war er Ortsorganisator des Kirchentages in Rostock, während der Friedlichen Revolution gestaltete er Friedensgebete und Fürbitt-Andachten mit. Ab November 1989 war er kirchlicher Vertreter im zeitweiligen "Gerechtigkeitsausschuss der Hansestadt Rostock" und später sein Vorsitzender. Das Besondere an diesem Ausschuss war, dass er am 06. November 1989 noch von der DDR-Stadtverordnetenversammlung gebildet und dann um Vertreter der Kirche und des Neuen Forums erweitert wurde. Die SED reagierte damit auf den Druck der Menschen auf der Straße. Die Ausschussmitglieder hatten die Aufgabe, Amts- und Machtmissbrauch durch Funktionäre des Staates, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und Verletzungen der Gesetze zu untersuchen. Sie bearbeiteten Rehabilitierungseingaben - zum Beispiel von mit einem Berufsverbot belegten Seeleuten. Die Zahlungen von insgesamt über 3,58 Millionen DDR-Mark und fast 750.000 D-Mark an hunderte Seeleute erregten in der Öffentlichkeit große Beachtung. Nach der ersten freien Wahl 1990 richtete die neue Bürgerschaft erneut einen Gerechtigkeitsausschuss ein und Arvid Schnauer wurde von Bündnis 90/Die Grünen als Vorsitzender vorgeschlagen. Bis 1994 wurde auch neues Unrecht aufgearbeitet und der Übergang zur Demokratie gestaltet.

Arvid Schnauer berichtet von der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" und dem ersten Friedensgebet in Rostock.

Berichte

"Der Gerechte" - Artikel der Ostsee-Zeitung über die Mitwirkung von Arvid Schnauer an der Friedlichen Revolution und seine langjährige Tätigkeit als Leiter des Rostocker Gerechtigkeitausschusses, 11.08.2019.

"Vor 25 Jahren: Ausschuss für Gerechtigkeit" - Arvid Schauer berichtet in einem Gastbeitrag in den Nordeutschen Neuesten Nachrichten vom Gerechtigkeitsausschuss, 06.11.2014.

"Ich wusste 1989 sofort, ich muss im Gerechtigkeitsausschuss von Rostock mitarbeiten!" - Ostsee-Zeitung, 02.10.2014 (sichtbar für Abonnenten).

Dokumenatrfilm

"Gerechtigkeit für politisches Unrecht" - Der Gerechtigkeitsausschuss in Rostock kümmerte sich nach der Einheit 1990 um die Rehabilitierung von DDR-Bürgern - eine einmalige Aufarbeitung in der deutschen Rechtsgeschichte. Arvid Schnauer schildert in dem Film die Arbeit des Ausschusses. Nordmagazin vom 25.01.2015.