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Themendossiers

Kirche in der SED-Diktatur

Die Kirchen bewahrten sich in der DDR ihre Unabhängigkeit, erklären manche Historiker. Andere gehen davon aus, dass auch die Kirchen Teil der Diktatur der SED waren. Konsens ist, dass sie die einzigen gesellschaftlichen Organisationen waren, die das Regime nicht vollständig in das Herrschaftssystem integrieren konnte. Die Kirchen öffneten ihre Räume für Kritiker, Künstler, unangepasste Jugendliche und Oppositionelle, die sich unter dem "Schutzdach der Kirchen" organisieren konnten und im Herbst 1989 zum Sturz der DDR beitrugen. Gleichzeitig offenbarte sich nach 1989 das Ausmaß der Verstrickungen zwischen Kirche und Staatssicherheit. Welche Position nahmen die Kirchen im Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand ein? Wäre die Friedliche Revolution ohne sie denkbar gewesen?

Obwohl die "Gewissens- und Glaubensfreiheit" in den Verfassungen der DDR formal garantiert war, waren Kirchen und Gemeindeglieder Repressionen ausgesetzt. SED-Parteichef Walter Ulbricht bezeichnete Kirchen 1953 bei einer Rede als "bürgerlich-kapitalistische Verdummungsanstalten". Sie stellten für die SED-Führung die "letzte Bastion bürgerlicher Kultur dar", die es im Rahmen des "Klassenkampfes" zu überwinden galt. Um dieses Ziel zu erreichen, begann in den 1950er-Jahren ein regelrechter "Kirchenkampf", in dem die DDR-Führung mit Pressekampagnen, Entlassungen, Schul-Relegationen und Hausdurchsuchungen versuchte, den Wirkungsbereich der Kirchen auf das Karitative zu beschränken und sie aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schleuste Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in führende Positionen als Kirchenjuristen und Angehörige Theologischer Fakultäten ein. Kinder und Jugendliche sollten durch "sozialistische Ersatzriten" dem kirchlichen Einfluss entzogen werden (siehe unten "Junge Gemeinde und Jugendweihe").

Die Kirchen setzten sich gegen die Ausgrenzungen und Einschränkungen zur Wehr. So entstanden bereits in den 1960er-Jahren unter ihrem Dach Friedensgruppen, die großen Anteil am Erfolg der Friedlichen Revolution besaßen, als sie sich später mit außerkirchlichen Oppositionellen und Umweltaktivisten vernetzten (siehe unten "Friedenskreise, Umweltgruppen, Umweltbibliotheken"). Ohne das "Schutzdach der Kirchen" hätten die Friedens- und Umweltgruppen nicht in dieser Form agieren können. Die kirchlichen Räume schirmten Bespitzelungen durch die Staatssicherheit weitestgehend ab, ermöglichten Auftritte für Schriftsteller und Musiker und schafften Gelegenheiten für freie Meinungsäußerung, offene Diskussionen und einen Austausch unter Gleichgesinnten.

Viele Pfarrer und Pastoren öffneten ihre Kirchen und engagierten sich in oppositionellen Gruppen. So fanden in den 1980er-Jahren regelmäßig "Blues-Messen" in Ost-Berliner Kirchengemeinden statt. Allein die regimekritischen Konzert-Gottesdienste in der Samariterkirche zogen rund 50.000 Besucher an. Aber die Pastoren gerieten dabei oft in Auseinandersetzungen mit den Kirchenleitungen, die um ein konfliktfreies Verhältnis zum Staat bemüht waren. Einigen jungen Oppositionellen war diese Haltung zu passiv. So kritisierten die Basisgruppen der evangelischen Gemeinde die angepasste Haltung der Kirchen und veranstalteten 1987 in den Räumen der Friedrichshainer Pfingstkirche den Kirchentag von Unten, der von 6.000 Menschen besucht wurde. Aufgrund des großen Zuspruchs gründete sich die Basisgruppe "Kirche von Unten" (KvU), die Konzerte und Veranstaltungen besonders für unangepasste Jugendliche veranstaltete.