Zeitzeuge

Lutz Kersten

Kirchentellinsfurt, Baden-Württemberg
* 1953

Diktaturen sind Einbahnstraßen - In Demokratien herrscht Gegenverkehr

Themen
  • Opposition/Bürgerrechtsbewegung
  • politische Haft
  • Freikauf

Biografisches

1.10.1953 in Stendal geboren
1970 Schulabschluss in Stendal
1970-1972 Ausbildung als Baufacharbeiter
1976-1988 tätig als Baufacharbeiter
1984 Ausreiseantrag der Familie Kersten
April 1988 Verhaftung der Eheleute Kersten
Juli 1988 Verurteilung zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis
Lutz Kersten wird in Brandenburg, seine Frau Karin in Hoheneck inhaftiert
Nov. 1988 Freikauf durch die Bundesrepublik
1989 tätig als Maurer in Kirchentellinsfurt
1989-2006 bei Mercedes-Benz tätig
seit 2006 Frühpensionär
seit 2012 Mitglied der CDU (Senioren Kreisverband Tübingen)

Kurzbeschreibung

1984 stellte Familie Kersten aus politischen Gründen einen Antrag auf Ausreise aus der DDR. Sie sehnten sich nach Meinungs- und Reisefreiheit. Ihre Kinder sollten in Freiheit aufwachsen. Da sie ihren Antrag nicht zurückzogen, wurde ihnen 1985 der Personalausweis entzogen. Fortan blieben ihnen auch Reisen in sozialistische Länder verwehrt. 1988 schlossen sie sich mit anderen Ausreisewilligen zusammen, um ihren Forderungen mehr Ausdruck zu verleihen. Im April desselben Jahres wurden die Eheleute Kersten verhaftet. Ein Spitzel in der Gruppe hatte sie verraten. Sie wurden wegen "Vaterlandsverrats" zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Als die Kerstens im November 1988 von der Bundesrepublik freigekauft wurden, war es für Karin Kersten zu spät. Die junge Frau verließ den Staat, der sie als Feind behandelt hatte, psychisch gebrochen und schwer depressiv. Als die DDR die Ausreise der Kinder der Familie systematisch verzögerte, war für Karin Kersten das Maß des Ertragbaren überschritten. Sie beging Selbstmord. Seitdem setzt sich Lutz Kersten dafür ein, dass das DDR-Unrecht nicht vergessen wird und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

Berichte

"Eine Westbekanntschaft mit Folgen": 1984 stellten Lutz Kersten und seine Frau einen Ausreiseantrag für sich und ihre Töchter. Dreißig Jahre danach hat das Reutlinger Wochenblatt mit ihm gesprochen, 18. Juni 2014.

"Vier Tage zu spät": In dem 12-minütigen Video erinnert sich Lutz Kersten an seine Verhaftung, an die politische Haft und die Trennung von seiner Frau und seinen Töchtern. Er schildert den Freikauf im November 1988 und berichtet von dem Versprechen, seine Töchter würden ihm und seiner Frau bald in den Westen nachfolgen können. Schließlich erzählt er, wie seine Frau sich ohne jede Hoffnung auf ein tatsächliches Wiedersehen das Leben nahm. Vier Tage danach sah er seine Kinder wieder.
Video von Gregor Landwehr, 2012, veröffentlicht auf seiner Seite debatare.de

"Wo ist Mama?": Der Artikel erzählt die Geschichte von Lutz und Karin Kersten. Erschienen im Stern, 1991, von Uta Stern

Bildmaterial: Zelle

1988 war Lutz Kersten in Zelle 12 eingesperrt. Das Bild nahm er 2010 auf.

 

Bildmaterial: "Käfig"

Draußen waren die Gefangenen in den wenige Quadratmeter großen "Käfigen" eingesperrt.

Bild 1 zeigt Lutz Kersten in einem der "Käfige" (2010).

 

Bild 2 zeigt den Blick aus dem "Käfig".