Zeitzeuge

Rainer Buchwald

Berlin, Berlin
* 1950
† 2021

"Durchschnittlich intelligent und sehr vergammelt?" Meine eigene Vergangenheit kann nur ich ins rechte Licht rücken.

Themen
  • Opposition/Bürgerrechtsbewegung
  • politische Haft
  • Heimerfahrungen
  • historische Aufarbeitung
  • verstorbene Zeitzeugen

Biografisches

07.12.1950 geboren in Berlin-Friedrichshain
1962-1965 Spezialkinderheim für schwer erziehbare Kinder in Sigrön
1965-1967 Lehre als Betonfacharbeiter
1967 Arbeits- und Erziehungslager für Jugendliche in Rüdersdorf, MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Pankow, Durchgangsheim Berlin-Alt-Stralau
1967-1968 Jugendwerkhof Lehnin
1973-1977 Arbeitslager in Berndshof bei Ückermünde wegen angeblichem "asozialen Verhalten", Strafverlegung in die Vollzugsanstalt Neustrelitz
1974 Nachverurteilung wegen der angeblichen Planung einer Flucht aus der Haft zu 15 Monaten Freiheitsstarfe, nach Nahrungsverweigerung Verlegung in das Haftkrankenhaus Bützow
bis 12.01.1977 Haft im Gefängnis Bautzen I
1978 Heirat, Tätigkeit als Seelsorger (Unterdiakon)
1989 Fluchtversuch am Dresdener Bahnhof
ab 1993 Rehabilitierung für die politische Verfolgung
2009 Beitritt in die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS)
2015-2021 stellvertretender Bundesvorsitzender und Schatzmeister der VOS
seit 2015 im Ruhestand

Rainer Buchwald ist leider am 15.12.2021 verstorben.
 

Publikationen

Grit Poppe: Ausbruch aus Rüdersdorf. Rainer Buchwald und Clemens Lindenau, in: Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime, hg. von Ines Geipel und Andreas Petersen, Wiesbaden 2009, S. 274-283.

Rainer Buchwald und Christian Sachse: Durchschnittlich intelligent und sehr vergammelt. Das illegale Arbeits- und Erziehungslager 1966/1967 in Rüdersdorf (Reihe: Auf Biegen und Brechen, Band 3), Torgau 2014.

Kurzbeschreibung

Meine Kindheit verbrachte ich glücklich bei meinen Großeltern in Berlin-Friedrichshain. Meine Mutter besuchte mich jeden Tag, sie wohnte mit ihrem zweiten Mann und den drei gemeinsamen Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Zur Einschulung empfing ich Geschenke von der Partnergemeinde in Westdeutschland, ich besuchte den Religionsunterricht, ging nicht zu den Pionieren und wurde dafür von meinen Klassenkameraden verspottet. Zu Hause hörten wir laut den Sender RIAS und spätestens mit der Flucht eines Nachbarjungen gerieten wir in das Blickfeld der Stasi. Sie warfen meinen Großeltern vor, mich nicht zu einer "sozialistischen Persönlichkeit" zu erziehen und wiesen mich, trotz der Einwände meiner Mutter, in das Spezialkinderheim Sigrön ein. Ich war 12 Jahre alt und wurde erst als 15-Jähriger entlassen, als es meiner Mutter gelungen war, eine größere Wohnung zu organisieren.
Ich begann eine Lehre als Betonbau-Facharbeiter, die ich aber nicht beenden konnte. Ein Lehrer sollte mich als Inoffiziellen Mitarbeiter für die Stasi werben. Als ich dies verweigerte und vom Anwerbeversuch erzählte, wurde ich in das Arbeits- und Erziehungslager Rüdersdorf gebracht. Bei der Entlassung verpflichtete ich mich, über das Erlebte zu schweigen. Wegen "Staatsverleumdung" und angeblicher "Republikflucht" wurde ich 1973 verhaftet und in Strafvollzugseinrichtungen gesperrt. Im Januar 1977 wurde ich entlassen. Bis zum Ende der DDR ließ die Staatsmacht mich in Ruhe. Ich arbeitete als Seelsorger in unserer Gemeinde und beteiligte mich an den Montagsdemonstrationen. Schon 1993 wurde ich rehabilitiert und setze mich seither für die Belange von Menschen ein, die Ähnliches durchgemacht haben wie ich.

Gedenktafel am ehemaligen Durchgangsheim Alt-Stralau

Nach fünfjährigem unermüdlichen Einsatz von Betroffenen, Historikern, Stralauer Bewohnern und Politikern wurde im April 2016 eine Gedenk- und Informationstafel zum Durchgangsheim Alt-Stralau in Berlin enthüllt: Sie gedenkt der Opfer, erinnert an das Unrecht und soll am historischen Ort zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen. Die Tafel wurde von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert.

Weitere Informationen

„DDR-Bürger entern die Züge in die Freiheit“ – Nach den berühmten Worten Hans-Dietrich Genschers am Abend des 30. Septembers 1989 in der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag, als er den dort campierenden DDR-Bürgern mitteilte, „… dass heute ihre Ausreise…“ möglich wurde, wurde der Abtransport der dort Wartenden gemäß den Bedingungen der DDR organisiert. Dieser sollte mit Zügen stattfinden und über das DDR-Staatsgebiet fahren, um die Bürger offiziell auszuweisen. Die Züge sollten in Dresden halten, was sich trotz Geheimhaltung in der DDR herumgesprochen hatte. Tausende Fluchtwillige belagerten die einfahrenden Züge und versuchten, in oder auf die Waggons zu kommen. Die SED-Führung ließ den Bahnhof und die Schienenstrecken von der Transportpolizei abriegeln und veranlasste schon ab dem dritten Zug, dass diese in Dresden nicht mehr halten, sondern weiterfahren sollten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fluchtwilligen. Zeit Online, 6.10.2014.

Berichte und Interviews

"Kindheit hinter Gittern" - Rainer Buchwald berichtet von den Inhaftierungen in Arbeitslagern und Heimen in seiner Jugendzeit. Märkische Allgemeine, 30.7.2013.

"Spezialheime der DDR-Jugendhilfe im Land Brandenburg" - Studie von Dr. Christian Sachse. Zeitzeugeninterview mit Rainer Buchwald über die Lebens- und Arbeitsbedingungen, das Erziehungs- und Strafsystem im Spezialkinderheim Sigrön, S.91-94; Über den Jugendwerkhof Lehnin auf den Seiten 97-100.

"DDR-Arbeitslager in Rüdersdorf" - Rainer Buchwald über seine Inhaftierung und die Misshandlungen im Arbeitslager. Berliner Zeitung, 12.3.2015.