Themen
- politische Haft
- Freikauf
- Staatssicherheit
- Wirtschaft/Landwirtschaft
Biografisches
1964 in Stendal geboren
1970–1980 Besuch der Polytechnischen Oberschule (POS) in Rostock, trotz sehr guter Noten keine Zulassung zur Erweiterten Oberschule (EOS)
1980–1982 Ausbildung im Beruf des Zootechnikers und Mechanisators (Facharbeiter in der Tierhaltung und Viehzucht) und Tätigkeit als Facharbeiterin im Volkseigenen Gut (VEG) Klockenhagen
1983–1985 Tätigkeit als Biologielaborantin an der Universität Rostock
1983 Beginn der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen einer Liebesbeziehung zu einem jungen Westdeutschen und eines regimekritischen Bekanntenkreises
1984–1985 Austritt aus staatlichen Organisationen wie der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Erwachsenentaufe in der katholischen Kirche Rostock-Warnemünde, Operative Personenkontrolle (OPK) und Operativer Vorgang „Maus“ durch die Stasi, Stellung mehrerer Ausreiseanträge
August 1985 Verhaftung durch das MfS Rostock
13.11.1985 Verurteilung zu 1,5 Jahren Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ nach § 219 StGB der DDR
November 1985 bis Mai 1986 Haft im Jugendhaus Hohenleuben, Zwangsarbeit als Näherin im Drei-Schicht-System
Anfang Mai 1986 Verlegung in das Kaßberg-Gefängnis in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz)
21.05.1986 Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland
1987–1989 Ausbildung zur Veterinärmedizinisch-technischen Assistentin (VMTA) in Oberschleißheim bei München
1989–1997 Tätigkeit als VMTA beim Tiergesundheitsdienst Bayern e. V.
1997–2001 Pharmaberaterin in der Humanmedizin, Umzüge nach Werder bei Potsdam und Mainz
2001–2009 selbstständige Tätigkeit in der Immobilienbranche in Bonn
seit 2009 Erwerbsunfähigkeit, bisher ergebnislose Bemühung um behördliche Anerkennung der Gesundheitsschäden durch politische Verfolgung und Haft
seit 2023 Engagement als Zeitzeugin der SED-Diktatur
Veröffentlichungen
„Kerstin Seifert“, in: Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): 60 aus 40. Protest, Opposition und Verweigerung im ehemaligen Bezirk Rostock (Ausstellungskatalog). Schwerin, 2025, S. 84 ff.
„Kerstin Seifert. Unsichtbare Narben. Ein Leben nach Hohenleuben“ (aufgeschrieben von Birgit Schlicke), in: Konstanze Helber, Carla Ottmann und Birgit Schlicke (Hrsg.): Zeitlose Jahre. Frauen zwischen Repression und Freiheit in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Vergangenheitsverlag, 2024, S. 169 ff.
Eine Aufzeichnung der Buchpräsentation am 10.12.2024 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ist hier verfügbar.
„Staatssicherheitsinhaftierung. 100 Portraitaufnahmen 2023–2024“, Projekt des Fotografen André Wagenzik. Kerstin Seifert gehört zu den politischen Gefangenen der DDR, die von André Wagenzik fotografiert wurden. Nähere Informationen zum Projekt und Ausstellungstermine finden sich auf der Internetseite des Fotografen: https://wagenzik.de.
Kurzbeschreibung
Ich wurde in Stendal geboren und wuchs in Rostock auf. Trotz sehr guter schulischer Leistungen wurde mir der Weg zum Abitur verwehrt.
Viele meiner Freunde und Bekannten waren kritisch gegenüber dem SED-Regime eingestellt oder gehörten der evangelischen Jungen Gemeinde in Rostock an. Als junge Erwachsene verliebte ich mich in einen Westdeutschen, den ich in der Disco kennengelernt hatte. Wir schrieben uns Briefe, telefonierten und trafen und gelegentlich in der DDR und in der ČSSR. Das führte dazu, dass die Stasi mich überwachte. Mitte der 1980er-Jahre trat ich aus staatlichen Organisationen aus, ließ mich taufen und stellte mehrere Ausreiseanträge, die abgelehnt wurden. Die Repressionen durch die Stasi nahmen zu, beispielsweise musste ich meinen Personalausweis wegen angeblich drohender Fluchtgefahr abgeben und bekam stattdessen einen vorläufigen Ausweis, den sogenannten „PM 12“. Zudem wurde ich am Arbeitsplatz ausgegrenzt und wegen der Ausreiseanträge unter Druck gesetzt.
Im Sommer 1985 verhaftete mich das Ministerium für Staatssicherheit in Rostock und im darauffolgenden November wurde ich wegen sogenannter „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ zu einer Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren verurteilt. Während der Haftzeit in Hohenleuben musste ich Zwangsarbeit als Taschentuchnäherin leisten. Die schlechten Haftbedingungen, wie z. B. einseitige Ernährung, Schlafmangel und psychischer Stress, führten dazu, dass ich immer wieder körperlich zusammenbrach. Im Mai 1986 gelangte ich im Wege des Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik Deutschland.
Bis heute setze ich mich dafür ein, dass die gesundheitlichen Schäden, die ich durch die politische Verfolgung und Haft erlitten habe, seitens der Behörden anerkannt werden.
Damit eine Diktatur funktioniert, braucht es nicht nur Täter, Mittäter und Mitläufer, sondern auch eine große Anzahl an Menschen, die ihre Augen, Ohren und Herzen verschlossen haben. Genau darauf hinzuweisen, halte ich für meine vordringliche Aufgabe.
Online-Ausstellungseröffnung und Podiumsgespräch mit Kerstin Seifert: „An der Schmerzgrenze“ – ein Kunst- und Aufarbeitungsprojekt von politisch Verfolgten der DDR
Wie finden Betroffene eine (künstlerische) Sprache für das Erlebte, wie etwa Stasi-Überwachung und politische Haft? Welche Bedeutung hat das Wirken in der Gruppe? Wie werden aus Betroffenen Zeitzeugen, die sich am öffentlichen Diskurs und der Vermittlung beteiligen können? Diese und weitere Fragen wurden bei der Veranstaltung am 14.04.2026 in der Bundesstiftung Aufarbeitung thematisiert.
Bericht
„DDR-Haft: Seit 14 Jahren kämpft Kerstin Seifert um Anerkennung der Folgeschäden“ – Der Bericht zeichnet den Lebensweg von Kerstin Seifert und insbesondere ihren Kampf um Anerkennung von Haftfolgeschäden nach. Radiobeitrag von Marius Elfering für den Sender Bayern 2, online auf https://www.ardsounds.de, 18.09.2024.