Themen
- Opposition/Bürgerrechtsbewegung
- Kirche
- politische Haft
- Ausreise/Ausbürgerung
- Staatssicherheit
- Freikauf
Sprache
- Englisch
Biografisches
15.04.1957 in Jena geboren
Eltern waren Mitglied der SED und hatten parteipolitische Funktionen in Gera inne
1963–1973 Besuch einer Polytechnischen Oberschule (POS) in Gera, Abschluss: gut
1973–1976 Lehre und anschließend Tätigkeit als Zerspanungsfacharbeiter bei der Firma Carl Zeiss Jena
1976–1977 Grundwehrdienst bei den Grenztruppen der DDR an der innerdeutschen Grenze (zu Bayern)
1977–1980 Tätigkeit als Zerspanungsfacharbeiter (Dreher und Schleifer) bei Carl Zeiss Jena
1980–1983 verschiedene Tätigkeiten: Dreher, Tischler, Hausmeister
Anfang der 1980er-Jahre über Freunde erste Kontakte zu Ausreisewilligen und zur Opposition (u. a. zur Jungen Gemeinde Jena mit Pfarrer Walter Schilling), dann Mitarbeit in der Geraer Gemeinde von Pfarrer Roland Geipel im Café für Menschen mit Behinderung und Beginn des Engagements für die Friedensdekade
1983–1989 Betreuer in der Werkstatt für Behinderte (WfB) in Gera
23.12.1983 mit drei Freunden Verteilung von mehreren tausend selbst gefertigten Flugblättern gegen Militärdienst und Stationierung von Atomwaffen in Ost und West in Hausbriefkästen in Gera
04.04.1984 Festnahme durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS)
Juli 1984 Verurteilung zu acht Monaten Haft nach § 218 StGB der DDR
10.10.1984 Entlassung in die DDR nach Verweigerung des geplanten Freikaufs
Mitte der 1980er-Jahre verstärktes Engagement in der kirchlichen Opposition und Repressionen seitens der Stasi
1987 Stellung eines Ausreiseantrags
17.03.1989 Übersiedlung mit Frau und deren Sohn in die Bundesrepublik Deutschland
1989–1992 zunächst Praktikum und dann Ausbildung zum Heilerziehungspfleger in der Gustav Werner Stiftung in Reutlingen
1992–2001 Tätigkeit als Heilerziehungspfleger in der Gustav Werner Stiftung in verschiedenen Bereichen der Behindertenhilfe
1994–2001 Aus- und Fortbildungen in den Bereichen Physiopsychologie und Massage, Tätigkeit in eigenen Praxen
2001–2022 selbstständig als Massagepraktiker („Workfit – mobiler Massageservice im Büro“) in Reutlingen und Leipzig
seit April 2023 Rentner
seit November 2023 wohnhaft in einem kleinen Ort nahe Gera
Mitglied der Gedenkstätte Amthordurchgang e. V. in Gera
Veröffentlichung
„Solange Sie noch Arme haben“ – Der Dokumentarfilm von Luisa Bäde aus dem Jahr 2019 erzählt aus der Sicht eines Beteiligten von der Flugblatt-Aktion vor Weihnachten 1983. Das mit Handpuppen gespielte Werk hat mehrere Preise gewonnen.
Kurzbeschreibung
Aufgewachsen in einem parteitreuen Elternhaus, entwickelte ich mich durch meine Lebenserfahrungen – dazu gehörten z. B. der Staatsbürgerkunde-Unterricht, paramilitärische Veranstaltungen der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) in der Ausbildung und vor allem der Alltag bei den Grenztruppen der DDR – hin zur DDR-Opposition.
Nach meinem Grundwehrdienst suchte ich verstärkt in kirchlichen Kreisen nach andersdenkenden Menschen und wirkte in der Friedensbewegung mit. Die Friedensdekaden und die sich daraus entwickelnde Umweltbewegung waren für mich zentrale Themen.
Nach verschiedenen Flugblatt-Aktionen in Gera und Leipzig entstand gemeinsam mit drei Freunden die Idee zu einer größeren Flugblatt-Aktion gegen die Stationierung von Atomraketen in Ost und West. Dazu haben wir aus einem Buch über sozialistische Soldatenerziehung den Satz „… heißt es: Ziel vernichtet, so fallen sich die Soldaten vor Freude in die Arme.“ um die Aufforderung „Solange Sie noch Arme haben, verhindern Sie die Vernichtung des Zieles!“ ergänzt. Nach erfolgreicher Verteilung der Flugblätter wurde unsere Gruppe von der Stasi inhaftiert und verurteilt. Ich weigerte mich, aus der Haft in die Bundesrepublik Deutschland verkauft zu werden und habe ich mich auch nach der Freilassung weiter in der DDR politisch engagiert.
Zwischenzweitlich heiratete ich und der Sohn meiner Frau bekam in der Schule meine vermeintlichen Verfehlungen ständig zu spüren. Gleichzeitig wurde mir jede Art der staatlichen Weiterbildung, auch ein schon genehmigtes Studium der Sozialpädagogik, vonseiten der Behörden verwehrt. Hinzu kamen ständige Verhöre und Einschüchterungen durch die Stasi. Die Repressionen haben uns 1987 bewogen, einen Ausreiseantrag zu stellen, der 1989 bewilligt wurde.
Ich finde es bis heute wichtig, mich gegen Missstände einzubringen und politisch zu engagieren. Dabei orientiere ich mich stets an Artikel 1 des Grundgesetzes, der besagt „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“, um Schubladendenken über Menschen entgegenzuwirken.
Interview
„Matthias Herbst“ – Vorstellung des Zeitzeugen auf der Internetseite des Lern- und Gedenkortes Kaßberg-Gefängnis, https://gedenkort-kassberg.de/.