Zeitzeuge

Konstanze Helber

Rottenburg, Baden-Württemberg
* 1954

Als 1989 die Mauer fiel, dachte ich: Jetzt geht diese DDR unter – und meine Geschichte zu Hoheneck mit ihr.

Themen
  • politische Haft
  • historische Aufarbeitung
  • Flucht/Fluchthilfe
  • Freikauf

Biografisches

1954 in Camburg (Saale) geboren
1961-1971 Schulbesuch in Camburg, Zulassungsverweigerung zum Abitur
1971-1974 Ausbildung zur Kinderkrankenschwester an den Universitätskliniken Jena
1974 Abschluss der Ausbildung mit Examen als Kinderkrankenschwester an der Universitäts-Kinderklinik Jena
1974-1976 Tätigkeit als Kinderkrankenschwester
1977 Republikflucht aus der DDR, Verurteilung zu drei Jahren und drei Monaten Haft
1977-1979 Haft im Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg (Erzgebirge)
April 1979 Freikauf und Ausreise in den Westen
Oktober 1979 bis Dezember 1998 als Kinderkrankenschwester tätig an der Chirurgischen Klinik Tübingen
1998 Assistentin im alltäglichen Leben bei Menschen mit Behinderungen in einem Wohnheim in Rottenburg
2009-2016 Mitglied im „Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen e. V.“
2010 Gründung des „Süddeutschen Freundeskreises Hoheneckerinnen“
seit 2011 aktive Zeitzeugin an Schulen in Baden-Württemberg
2015 Aufnahme des „Süddeutschen Freundeskreises Hoheneckerinnen“ als Mitglied in die „Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft“ (UOKG)
2017 Vorstandsmitglied und Regionalbeauftragte Baden-Württemberg in der UOKG
2019 Vorsitzende des „Forums für politisch verfolgte und inhaftierte Frauen der SBZ/SED-Diktatur e. V.“ mit Sitz in Berlin

Kurzbeschreibung

Januar 1977: Ich lag zusammengekauert in einem Kofferraum eines dafür extra umgebauten PKW. Die Fahrt sollte in den Westen gehen – seit zwei Jahren wartete mein Freund dort auf mich. Meine Ausreiseanträge waren abgelehnt worden und so hatten wir uns entschlossen, einen anderen Weg aus der DDR zu suchen. Über eine Fluchthilfeorganisation im Westen wurde alles organisiert, damit ich der Freiheit und meinem Freund näherkam. Aber die Flucht scheiterte und ich wurde im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck inhaftiert. Nach 27 Monaten Haft, davon fast zwei Jahre in Hoheneck, erfolgte 1979 die Entlassung über den Freikauf in den Westen. Zehn Jahre später, 1989 im Jahr der Friedlichen Revolution, spürte ich eine Last, die ich mit mir herumtrage – Hoheneck. Nur wenige Menschen wussten von meiner Haft in der DDR. Ich verschwieg sie für eine lange Zeit. Bei einem Besuch des ehemaligen Frauenzuchthauses Hoheneck im Jahr 2004 traf ich die Entscheidung, über alle Erlebnisse zu reden, brach mein Schweigen und erzählte erstmals, was mir passiert war. Ich hatte lange das Gefühl, dass meine Geschichte zur Haft in der DDR niemanden interessierte: Dass ich zu Unrecht in einem Gefängnis gesessen hatte, weil ich in dem großen "Gefängnis DDR" nicht leben wollte. Heute berichte ich in Schulen von meinem Leben in der DDR, den Fluchtplanungen, der unsäglichen Haft und dem Neuanfang im Westen.

Konstanze Helber im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern (Video):

Bei dem Projekt „Stimmen der Opposition“ führen Schülerinnen und Schüler Interviews mit einem Zeitzeugen. Es entsteht ein Bild der DDR-Bürgerrechtsbewegung, gesehen mit den Augen der heutigen Jugendlichen. Das Zeitzeugeninterview mit Konstanze Helber wurde veröffentlicht. Eine Kurzversion finden Sie hier.

Projekt der Deutschen Gesellschaft e. V., gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung.

Veröffentlichungen

Beitrag über Konstanze Helber in: Anna von Arnim-Rosenthal: Flucht und Ausreise aus der DDR. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, 2016.

Helber, Konstanze: Unglauben im Westen, in: Rengha Rodewill: Hoheneck – Das DDR-Frauenzuchthaus. Agentur Wort+Kunst, Micaela Porcelli, Vergangenheitsverlag.

Helber, Konstanze: „Mein Freund ist der Schlüssel zum Erfolg“ und das Wiederfinden der eigenen Stimme, in: Andreas Apelt (Hrsg.): Neuanfang im Westen. Zeitzeugen berichten 1949-1989. Mitteldeutscher Verlag Halle, 2013.

Helber, Konstanze: Die Wachteln hatten keine Spur von Menschlichkeit, in: Dirk von Nayhauß und Maggie Riepl (Hrsg.): Der dunkle Ort. 25 Schicksale aus dem DDR-Frauengefängnis Hoheneck. be.bra. Wissenschaftsverlag, 2012. Porträtiert in der Wanderausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung e. V zum gleichnamigen Buch.

Helber, Konstanze:  Der Vater, ein selbstständiger Handwerker – verweigerte Berufswahl – Liebe, Flucht und Haft – angenommen im Westen, in: Wolfgang Wietzker (Hrsg.): 101 Zeitzeugenberichte. Helios Verlag, 2013.
 

Berichte

"Opferverbände zufrieden mit Plan für Gedenkstätte Hoheneck" - Konstanze Helber äußert sich zur geplanten Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Frauenzuchthaus Hoheneck. Freie Presse, Ausgabe Stollberg/Erzgebirge, 20.06.2019.

"Vergangen heißt nicht vorbei" - Porträt von Konstanze Helber in der Stuttgarter Zeitung, 11./12.11.2017.

"Gefangen im Unrechtssystem" - Konstanze Helber berichtete den Schülerinnen und Schülern am Gymnasium Neckartenzlingen von der Stasi, ihrer Flucht in den Westen und der Haftzeit. Südwest Presse, 22.02.2015.

"Geschichte hautnah" - Schüler der Gustav-Werner-Schule in Walddorfhäslach berichten von ihrem Gespräch mit Konstanze Helber, 2014.

 

Zeitzeugengespräch zum Nachhören

"Flucht und Fluchthilfe in Deutschland: Grenzen überwinden - auch in der Erinnerungskultur?" - Anlässlich des 54. Jahrestags des Mauerbaus berichtete Konstanze Helber bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung Aufarbeitung von den Motiven und dem Verlauf ihres Fluchtversuchs. Die Podiumsgäste diskutierten über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Flucht und Fluchthilfe in der DDR und heute. In der Veranstaltungsnachlese finden Sie eine Tonaufzeichnung, Fotos und einen Bericht.