Zeitzeuge

Dieter Gollnick

Mühldorf am Inn, Bayern
* 1956

Wer anderen die Freiheit vorenthält, hat sie selbst nicht verdient. (Abraham Lincoln)

Themen
  • politische Haft
  • Ausreise/Ausbürgerung
  • Flucht/Fluchthilfe

Biografisches

1956 geboren in Ost-Berlin
1971 Abschluss der zehnten Klasse an einer Polytechnischen Oberschule
1972 Beginn einer Lehre als Maler
seit 1976 Facharbeiter für Lagerwirtschaft
1985 Tätigkeit als Lagerbereichsleiter
1986-1987 Inhaftierung wegen versuchter "Republikflucht"
1997-1999 Ausbildung zum examinierten Altenpfleger
heute im Ruhestand

Kurzbeschreibung

Dieter Gollnick wurde in Ost-Berlin geboren, absolvierte eine Malerlehre und war als Lagerbereichsleiter tätig.
Zu Beginn der 1980er-Jahre wuchs seine Unzufriedenheit über manipulierte Wahlen, eingeschränkte Meinungsfreiheit und das Gefühl, "eingemauert" zu leben. 1986 stellte er mit seiner Familie einen Ausreiseantrag, weshalb er seinen Posten als Lagerbereichsleiter verlor und ein Berufsverbot bekam. Um seine Familie nicht zu gefährden, reiste er am 20. November 1986 ohne sie zum Grenzübergang Checkpoint Charlie, um die Ausreiseanträge zu bekräftigten. Er wurde wegen "versuchter Republikflucht" verhaftet und zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach einem fünfmonatigen Aufenthalt in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen wurde er über Berlin-Rummelsburg mit dem "Grotewohl-Express" nach Karl-Marx Stadt (heute Chemnitz) verlegt. Von der Reichenhainer Straße kam er in das Gefängnis am Kaßberg, wo Dieter Gollnick die restliche Haftzeit bis November 1987 absaß und dann in die DDR entlassen wurde. Am 02. März 1988 erhielt er die Nachricht über seine Ausreise und musste die DDR innerhalb von 24 Stunden verlassen. Aufgrund von Hinweisen in seiner Stasi-Akte vermutet er heute, dass er wegen eines Beschlusses, der bereits während seiner Haft im Kaßberg-Gefängnis getroffen wurde, freigekauft wurde.
Er lebt heute in Bayern und ist Mitbegründer der "Initiative für Gerechtigkeit von SED Opfern".

Gedenktafeln

Am 07. Oktober 2021 wurde eine barrierefreie Informationstafel zum ehemaligen DDR-Frauengefängnis in der Grünauer Straße im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick eingeweiht.
Das Gefängnisgebäude, das heute leer steht, war ab 1973 die Nachfolgeeinrichtung des Frauengefängnisses in der Barnimstraße. Unter den Insassinnen waren auch politische Gefangene.
Die Historikerin Sandra Czech forschte zum Gefängnis und trug maßgeblich zur Gestaltung der Informationstafel bei.
Die Initiative für das Gedenken ging von Dieter Gollnick und Edith Fiedler aus, die sich jahrelang für die Würdigung des historischen Ortes eingesetzt hatten.

Zur Erinnerung an die politischen Gefangenen des SED-Regimes, die in der DDR-Strafvollzugseinrichtung Karl-Marx-Stadt seit Beginn der 1970er-Jahre ihre Haftstrafe verbüßen mussten, wurde am 24. Mai 2016 an der heutigen Justizvollzugsanstalt Chemnitz eine Gedenktafel enthüllt.
Dieter Gollnick (Foto) war zusammen mit Mike Mutterlose einer der Initiatoren der Gedenktafel und hatte sich bereits seit Mai 2013 als ehemaliger politischer Inhaftierter der Anstalt für ein öffentliches Erinnern an begangenes Unrecht eingesetzt. Durch Recherchen der Stiftung Sächsische Gedenkstätten im Chemnitzer Stasi-Unterlagen-Archiv ließ sich schließlich belegen, dass im früheren DDR-Gefängnis eine bedeutende Anzahl politischer Häftlinge einsaß.
 

Berichte

"Wenn die Zeit die Wunden nicht heilt" - Bericht mit und über Dieter Gollnick, als er 2013 anfing, sich für eine Tafel am ehemaligen DDR-Gefängnis in der Reichenhainer Straße einzusetzen. OVB, 23.09.2013.

"Enthüllung einer Gedenktafel für politische Gefangene der DDR-Strafvollzugseinrichtung Karl-Marx-Stadt" - Pressemitteilung über die neu angebrachte Gedenktafel an der heutigen JVA Chemnitz. Stiftung Sächsische Gedenkstätten, 19.05.2016.

"Gedenktafel für DDR-Häftlinge" - Bericht über die Enthüllung der Gedenktafel für die politisch Inhaftierten im DDR-Gefängnis in der Reichenhainer Straße und die vorangegangenen Bemühungen. OVB, 09.06.2016.

Informationen zur DDR-Haftanstalt Kaßberg

Die Stasi nutzte das Gefängnis am Kaßberg im heutigen Chemnitz einerseits als regionale "Untersuchungshaftanstalt", andererseits als zentralen Sammelort zur Abwicklung des Freikaufs politischer Häftlinge aus der DDR. Von 1963 bis 1989 kaufte die Regierung der Bundesrepublik Deutschland mehr als 33.000 politische Häftlinge aus DDR-Gefängnissen frei. Als Gegenleistung erhielt die DDR Warenlieferungen im Wert von mehr als drei Milliarden D-Mark. Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wickelte das MfS im Auftrag der SED die Entlassung von fast allen freigekauften Häftlingen über die MfS-Untersuchungshaftanstalt Karl-Marx-Stadt ab.

Im Schwerpunkt "Flucht, Fluchthilfe und Freikauf" stehen weitere Informationen, Zeitzeugen und Unterrichtsmaterialien zum Thema "Freikauf" zur Verfügung.