Zeitzeuge

Uwe Diehl

Hüttenberg, Hessen
* 1951

„Menschen müssen sich verändern,
um sich selber treu zu sein.
Nur das Wechseln von Gewändern
kann kein wahrer Wandel sein.“ (Konstantin Wecker)

Themen
  • politische Haft
  • Ausreise/Ausbürgerung
  • Staatssicherheit

Biografisches

1951 geboren in Kamenz (Sachsen)
1968 Ausbildung zum Werkzeugmacher
05.06.1969 Verhaftung in der Berufsschule wegen des Versands von Briefen an westdeutsche Radiosender
19.09.1969 Verurteilung aufgrund der „Verbindung mit Feindorganisationen“ wegen „staatsfeindlicher Hetze“ gemäß § 106 Strafgesetzbuch der DDR
1969-1970 18 Monate Freiheitsentzug in den Gefängnissen Bautzner Straße in Dresden, Cottbus und Ichtershausen, davon 90 Tage Einzelhaft
1970er-Jahre Heirat und Geburt von zwei Kindern
1973 Umzug nach Dresden
1975-1986 Anstellung als Techniker im Institut für Wassertechnik Dresden
1982-1984 Maschinenbau-Studium in Meißen
1984 Stellung eines Ausreiseantrags
1986 Ausreise mit der ganzen Familie nach Gießen
1986-2001 Anstellung als Techniker in einem japanischen Unternehmen in Gießen
seit 2001 Rentner

Kurzbeschreibung

Ich wuchs in einer behüteten und sorglosen bürgerlichen Familie in Kamenz auf. Allerdings wurde ich schon als Kind mit den „zwei Welten“ Ost und West konfrontiert – durch die großen Familien meiner Eltern. Zu den vier Geschwistern meines Vaters, die alle außerhalb der DDR lebten, bestand ein enger Kontakt.
Mit der eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR konnte ich schlecht umgehen und verstand sie als Kind nicht. Das betraf auch andere Dinge, wie die Doppelmoral in Sachen Freiheit mit einem nach innen gerichteten Grenzschutz und die Einteilung der Welt in „gute“ und „böse“ Länder.
Mit dieser Prägung musste ich einen Teil meines Lebens zurechtkommen und das war nicht einfach. Wegen meiner politischen Einstellung, die ich leider sehr schlecht verbergen konnte, hatte ich oft Probleme in der Schule und auch im weiteren Leben.
Als Jugendlicher schrieb ich über eine Tante Briefe an westdeutsche Radiosender. Mehrere dieser Briefe wurden durch die Staatssicherheit abgefangen. Eines Morgens kamen vier Mitarbeiter der Staatssicherheit in die Berufsschule, um mich zu verhaften. Der Direktor der Berufsschule bestand darauf, dass ich die für diesen Tag angesetzte Prüfung absolvieren konnte, bevor ich am Nachmittag mitgenommen wurde. Aufgrund der Briefe an sogenannte „Feindorganisationen“ wurde ich wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Nach 18 Monaten Freiheitsentzug – davon grausame 90 Tage in Einzelhaft – wurden manche Tage sehr eng für mich in der DDR.
Im Alltag arrangierte ich mich mit den Einschränkungen. Ich hatte Familie, einen tollen Job und Verantwortung.
Aber irgendwann ging es nicht mehr und meine Frau und ich stellten 1984 einen Ausreiseantrag. 1986, nach mehr als zwei Jahren Wartezeit, konnten wir ausreisen. Unsere Wünsche haben sich in jeder Hinsicht erfüllt.
1989 war alles vorbei und wir konnten nun unsere Familien und die alten Freunde in der ehemaligen DDR wiedersehen. Wir sind sehr dankbar dafür. Der Kreis hat sich geschlossen und wir wissen, wohin wir gehören.