Zeitzeuge

Pierre Boom (geb. Guillaume)

Hamburg, Hamburg
* 1957

Die Wahrheit ist der Irrtum, der der Täuschung entgeht und aus einem Missverständnis heraus entsteht. (Jacques Lacan)

Themen
  • historische Aufarbeitung
  • Medien
  • westdeutsche Zeitzeugen
  • Alltagserfahrungen
  • Ausreise/Ausbürgerung
  • Staatssicherheit
Sprache
  • Englisch

Biografisches

1957 geboren in Frankfurt am Main als Sohn von Christel und Günter Guillaume
1970 Umzug nach Bonn-Bad Godesberg, Schüler am ehemaligen Heinrich-Hertz-Gymnasium
April 1974 Verhaftung der Eltern als Agenten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS)
Sommer 1975 Übersiedlung in die DDR, Umzug nach Ost-Berlin
1976–1980 verschiedene Volontariate und Weiterbildungen im grafischen und polygrafischen Gewerbe
1981–1984 Ausbildung und Arbeit als Fotolaborant bei der Firma DEWAG in Ost-Berlin
1985–1986 Ausbildung und Arbeit als Fotograf bei der Firma DEWAG in Ost-Berlin
1987–1988 Arbeit als Fotoreporter bei der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), Ost-Berlin
Mai 1988 Ausreise aus der DDR, Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland
Mitte 1988 bis 1994 Arbeit als freischaffender Pressefotograf in Bonn und Berlin
1995–1999 Arbeit als Redakteur beim Verbrauchermagazin „Guter Rat!“ in Berlin
2000–2008 Arbeit in verschiedenen Presse- und PR-Agenturen in Berlin
2009–2019 Umzug nach Sylt, Arbeit als Redakteur beim „Sylter Spiegel“ und bei der „Sylter Rundschau“
2020–2021 Vorruhestand, Arbeit als freier Journalist
Herbst 2022 Umzug nach Hamburg, Arbeit als freier Journalist
seit Mai 2023 in Rente

 

Veröffentlichung und Ausstellung

Pierre Boom und Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions Guillaume erinnert sich. Aufbau Verlag, 2004.

„Wechselseitig. Rück- und Zuwanderung in die DDR 1949 bis 1989“. Wanderausstellung von exhibeo e. V. – Gesellschaft für politische, kulturelle und historische Forschung und Bildung in Kooperation mit der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde – Stiftung Berliner Mauer, 1. Auflage 2016. Der Beitrag über Pierre Boom ist hier einsehbar.

Kurzbeschreibung

Die scheinbare Idylle einer unbeschwerten Kindheit und Jugend in Westdeutschland zerbrach für mich, als am 24. April 1974 meine Eltern unter dem Verdacht verhaftet wurden, fast 20 Jahre lang als DDR-Agenten tätig gewesen zu sein. In Folge des Spionage-Skandals trat am 6. Mai 1974 Willy Brandt von seinem Amt als Bundeskanzler zurück, mein Vater hatte ab 1970 als Referent nah an seiner Seite im Kanzleramt gearbeitet. Neben einer tiefen emotionalen und auch psychischen Erschütterung führten diese Ereignisse zu einschneidenden Veränderungen meines künftigen Lebenswegs.
In der Hoffnung auf einen baldigen Austausch der Eltern übersiedelte ich 1975 mit meiner Großmutter Erna Boom von Bonn nach Ost-Berlin. Es begann zunächst eine Zeit des „Wanderns zwischen den Welten Ost und West“, weil Mutter und Vater unerwartet lange bis 1981 in westdeutscher Haft blieben und ich sie dort regelmäßig besuchen konnte. Nach ihrer Freilassung kam die Familie in der DDR nicht wieder zusammen, meine Eltern ließen sich noch im selben Jahr scheiden.
Ich versuchte, mein eigenes selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich machte eine Ausbildung zum Fotografen, arbeitete als Bildjournalist und lernte durch meine Tätigkeit viele Bereiche des gesellschaftlichen und politischen Alltags in der DDR kennen. Ich gründete eine Familie, zwei Söhne wurden geboren. Doch meine damalige Frau und ich konnten der „fürsorglichen Umklammerung“ durch die Staatssicherheit nicht entgehen. Deshalb – aber auch, weil ich nicht mehr an eine Reformierbarkeit der DDR hin zu einem demokratischen Sozialismus glaubte – stellten wir Ende 1987 einen Antrag auf Übersiedlung in meine alte Heimat Bundesrepublik. Nach schwierigen und zermürbenden Verhandlungen mit dem Ministerium für Staatssicherheit wurde uns im Mai 1988 die Ausreise genehmigt – damals konnte noch niemand in Ost und West ahnen, dass nur anderthalb Jahre später die Mauer fallen und Deutschland 1990 wieder vereint sein würde!

Berichte (Auswahl)

„Willy Brandt und der Spion, der ihn stürzte“ – Dokumentation von Kai Christiansen (Regisseur), ZDF/ARTE, 2024.

„Pierre Boom: Sein Leben als Sohn des DDR-Spions Günter Guillaume“ – Beitrag von Kristin Siebert, Christian von Brockhausen und Irene Altenmüller, NDR Info, 24.04.2024.

„WM 1974. Flucht aus der DDR: Gefälschte Pässe“ (Teil 1) und „WM 1974. Flucht aus der DDR: Gefahr an der Grenze“ (Teil 2) – Dokumentation von Christian Stücken in der Reihe „Kontrovers – Die Story“, BR, 2024. Pierre Boom wirkt in dieser Filmproduktion mit, die den Fluchtversuch von drei jungen Männern im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 thematisiert.

„Folge 1: Christel Guillaume“ – Dokumentation von Marius Möller in der Reihe „Die Spioninnen – Im Auftrag der DDR“, WDR, 2023.

„Der Fall Guillaume“ – Dokumentation von Klaus Kastenholz und Ioanna Engel in der Reihe „Skandal! Große Affären in Deutschland“, ZDFinfo/phoenix, 2016.