Einführung

Obwohl die "Gewissens- und Glaubensfreiheit" in den Verfassungen der DDR formal garantiert war, waren Kirchen und Gemeindeglieder Repressionen ausgesetzt. SED-Parteichef Walter Ulbricht bezeichnete Kirchen 1953 bei einer Rede als "bürgerlich-kapitalistische Verdummungsanstalten". Sie stellten für die SED-Führung die "letzte Bastion bürgerlicher Kultur dar", die es im Rahmen des "Klassenkampfes" zu überwinden galt. Um dieses Ziel zu erreichen, begann in den 1950er Jahren ein regelrechter "Kirchenkampf", in dem die DDR-Führung mit Pressekampagnen, Entlassungen, Schul-Relegationen und Hausdurchsuchungen versuchte, den Wirkungsbereich der Kirchen auf das Karitative zu beschränken und sie aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schleuste Inoffizielle Mitarbeiter (IM) in führende Positionen der Kirchenjuristen und Theologischen Fakultäten ein. Kinder und Jugendliche sollten durch "sozialistische Ersatzriten" dem kirchlichen Einfluss entzogen werden (s. Junge Gemeinde und Jugendweihe).

Die Kirchen setzten sich gegen die Ausgrenzungen und Einschränkungen zur Wehr. So entstanden bereits in den 1960er Jahren unter ihrem Dach Friedensgruppen, die großen Anteil am Erfolg der Friedlichen Revolution besaßen, als sie sich später mit außerkirchlichen Oppositionellen und Umweltaktivisten vernetzten (s. Friedenskreise, Umweltgruppen, Umweltbibliotheken). Ohne das "Schutzdach der Kirchen" hätten die Friedens- und Umweltgruppen nicht in der Form agieren können. Die kirchlichen Räume schirmten Bespitzelungen durch die Staatssicherheit weitestgehend ab, ermöglichten Auftritte für Schriftsteller und Musiker und schafften Gelegenheiten für freie Meinungsäußerung, offene Diskussionen und einen Austausch unter Gleichgesinnten.

Viele Pfarrer und Pastoren öffneten ihre Kirchen und engagierten sich in oppositionellen Gruppen. So fanden in den 1980er Jahren regelmäßig "Blues-Messen" in Ost-Berliner Kirchengemeinden statt. Allein die regimekritischen Konzert-Gottesdienste in der Samariterkirche zogen rund 50.000 Besucher an. Aber die Pastoren gerieten dabei oft in Auseinandersetzungen mit den Kirchenleitungen, die um ein konfliktfreies Verhältnis zum Staat bemüht waren. Einigen jungen Oppositionellen war diese Haltung zu passiv. So kritisierten die Basisgruppen der Evangelischen Gemeinde die angepasste Haltung der Kirchen und veranstalteten 1987 in den Räumen der Friedrichshainer Pfingstkirche den Kirchentag von Unten, der von 6.000 Menschen besucht wurde. Aufgrund des großen Zuspruchs gründete sich die Basisgruppe "Kirche von Unten" (KvU), die Konzerte und Veranstaltungen besonders für unangepasste Jugendliche veranstaltete.

Junge Gemeinde und Jugendweihe

Da in der DDR die Freie Deutsche Jugend (FDJ) die einzige zugelassene Jugendorganisation war, verstand sich die Junge Gemeinde als Ausdruck christlicher Bildungsarbeit. Das Abzeichen dieser Gemeinschaft war das Kugelkreuz, es wurde vielerorts von Schulleitern verboten, aber trotzdem von Tausenden getragen. Zu Beginn der 1950er Jahre waren über 125.000 junge Menschen in den Jungen Gemeinden der Evangelischen Kirche organisiert. Besonders 1952/53 hatten sie unter Repressionen zu leiden. Ihre Monats-Zeitschrift "Stafette" wurde verboten und rund 3.000 Oberschüler, die der Jungen Gemeinde angehörten, wurden der Schule verwiesen oder ihnen wurde das Abitur verweigert, was ein Studium unmöglich machte. Erst als sich die evangelischen Bischöfe 1953 direkt an die sowjetische Besatzungsmacht wandten, mussten viele der Schulverweise rückgängig gemacht werden. Die sowjetische Führung hatte nach dem Tod Josef Stalins dem SED-Regime einen "Neuen Kurs" diktiert, der "zur Gesundung der politischen Lage" beitragen sollte. Die restriktive Kirchenpolitik der SED wurde darin entschärft. Die SED-Führung hatte diesen "Neuen Kurs" umzusetzen und musste direkte Konfrontationen mit den Kirchen vermeiden. Um dennoch den Einfluss der Kirchen einzuschränken, etablierte sie sozialistische Zeremonien anstelle der christlichen Bräuche. Zentral im Leben eines Kindes in der DDR war ab 1954 die Jugendweihe, das Gegenstück zur evangelischen Konfirmation oder der katholischen Firmung. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche lehnten die Jugendweihe ab. Lehrer und Eltern aber hatten Konsequenzen für ihre Kinder in Schule und Karriere zu befürchten und verzichteten zunehmend auf Konfirmation bzw. Firmung. Bereits 1958 nahmen etwa 44 Prozent eines Jahrgangs an der Jugendweihe teil, 1959 waren es rund 80 Prozent.

Friedenskreise, Umweltgruppen und Umweltbibliotheken

Ende der 1970er Jahre reagierten viele Bürger auf das atomare Hochrüsten, den NATO-Doppelbeschluss und die Einführung der "Wehrkunde" in der Schule, indem sie sich unabhängigen Friedensbewegungen anschlossen. Tausende protestierten mit Friedensdekaden und Aktionen im Rahmen der "Offenen Arbeit" der Jungen Gemeinden gegen die zunehmende Militarisierung der DDR. Ihr Symbol: "Schwerter zu Pflugscharen", das sie zum Beispiel als Aufnäher an ihrer Kleidung trugen. Unter den Dächern der Kirchen fanden Friedensgebete statt, nach denen sich viele Menschen versammelten, um für Demokratie und Reformen zu demonstrieren. Seit 1981 wurden in Leipzig Friedensgebete organisiert, ab 1982 fanden sie jeden Montag statt. Die Demonstrationen erreichten ihren Höhepunkt am 9. Oktober 1989, als ca. 70.000 Menschen auf die Straßen gingen.

Nicht nur für den Frieden, auch für die Erhaltung der Umwelt wurde in der DDR gekämpft. Als Reaktion auf das flächendeckende Waldsterben, die von Chemieabfällen verdreckten Flüsse und Seen, die Luftverschmutzung und den Super-GAU in Tschernobyl 1986 engagierten sich immer mehr Menschen in Gruppen für die Umwelt. Innerhalb der evangelischen Kirche etablierte sich eine eigenständige Umweltbewegung. Wegen der Überwachung durch das MfS gelang es den Organisationen oft nur durch Kirchenseminare, untereinander Kontakt zu halten. Erst Mitte der 1980er Jahre gründeten sich überregionale oppositionelle Gruppierungen. In den Gruppen fanden sich auch Spitzel der Stasi. Das war den Beteiligten bewusst und sorgte für großes Misstrauen untereinander.

Zu der Umweltbewegung gehörten die Umweltbibliotheken, die unerwünschte oder verbotene Literatur aus Privatbesitz einer breiten Leserschaft zugänglich machten. Ab September 1986 begann die Ost-Berliner Umweltbibliothek (UB) im Keller der Zionskirche damit, Informationen, Broschüren und Bücher zu verbreiten. Die Bibliothek nutzte die Sonderdruckgenehmigung der Evangelischen Kirche, um kritische Schriften unter dem Vermerk "Nur für den innerkirchlichen Gebrauch" zu drucken und zu verbreiten. Auch die eigene Samisdatzeitschrift "Umweltblätter" wurde im großen Stil vertrieben, im Revolutionsjahr 1989 wurden 2.000 Exemplare verschickt. In dieser Zeit arbeiteten die Druckmaschinen rund um die Uhr und die Druckerei der UB war praktisch zur einzigen freien Druckerei des Landes geworden.

Initiative Frieden und Menschenrechte

Als ein 1985 angesetztes Menschenrechtsseminar von der Kirchenleitung auf Druck der DDR-Führung abgesagt wurde, gründete sich am 25. November 1985 offiziell die Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM), die die Menschenrechtsverletzungen in der DDR dokumentieren und anprangern wollte. Mit ihrer Samisdatzeitschrift "grenzfall" und gezielter Nutzung von Westmedien versuchte sie, ein kritisches Bewusstsein in der DDR-Öffentlichkeit zu schaffen. Sie bestand zunächst aus etwa 30 Aktivisten, darunter Martin Böttger, Bärbel Bohley, Dr. Frank Eigenfeld, Peter Grimm, Ralf Hirsch, Wolfgang Templin, u.a. Die IFM verzichtete im Gegensatz zu den meisten Gruppen auf das "schützende Dach" der Kirche. Im März 1989 veröffentlichte die Initiative einen Aufruf zu ihrer republikweiten Ausweitung, dem in zahlreichen Städten oppositionelle Gruppen Folge leisteten. Nach der Friedlichen Revolution wurde die IFM eine politische Vereinigung und schließlich Teil von Bündnis 90, die wiederum später Teil der Grünen wurde.

Finanzierung von Zeitzeugengesprächen

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro des Bundes bietet Finanzierungsmöglichkeiten für Veranstaltungen mit Zeitzeugen. Die Mitarbeiter sind zu erreichen unter Tel. 030 / 98 60 82 414/447 oder Email: info(at)ddr-zeitzeuge.de.

Informationsblatt Finanzierung

Tipps für das Gespräch für Zeitzeugen und für Lehrende

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro ist eine gemeinsame Servicestelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Stiftung Berliner Mauer. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Ein Leitfaden für Lehrkräfte

Der Leitfaden liefert Lehrkräften und Bildungsmultiplikatoren praktische Hinweise zur Organisation und Durchführung, zur Moderation sowie zur Vor- und Nachbereitung von Zeitzeugengesprächen. Er informiert über Gepräche am historischen Ort und bietet weiterführende Literatur.

Sie können den Leitfaden hier kostenfrei bestellen oder als PDF herunterladen.

Contemporary Witnesses of Divided Germany

The brochure provides information on the portal www.zeitzeugenbuero.de, presents the educational offers of the Federal Foundation for the Study of Communist Dictatorship in East Germany as well as memorial sites and museums in Berlin and Brandenburg with English-language offers. 

You can download and order the broschure for free in our publication shop.

DDR-Geschichte vermitteln

Diese Website sammelt Materialien und Medien, Handreichungen und Praxisreflexionen zur historisch-politischen Bildung über das Thema „DDR-Geschichte“. Verflechtungen mit der westdeutschen Geschichte und europäischen Kontexten sind berücksichtigt. Ein Schwerpunkt liegt hier auf kostenlos verfügbaren Online-Ressourcen. Ein Projekt des Bildungswerks der Humanistischen Union NRW

Zeitzeugenerinnerungen und -interviews

Im Archiv der Bundesstiftung Aufarbeitung finden sich zahlreiche Zeitzeugen- erinnerungen, die als lebensgeschichtliche Interviews vor allem Auskunft über das Wirken in Opposition und Widerstand, aber auch über Haftzeiten und Lageralltag geben.

Eine Übersicht über weitere Archiv- und Erinnerungsorte, die Zeitzeugeninterviews aufbewahren, finden Sie hier [mehr]

Zeitzeugengespräche führen

Bleib nicht stumm ...

Leitfaden für Zeitzeugengespräche

Der Leitfaden für Zeitzeugengespräche, veröffentlicht vom Grenzlandmuseum Eichsfeld, gibt anschauliche Tipps und Anleitungen zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Interviews mit Zeitzeugen.

Die Broschüre ist für Schüler didaktisch aufbereitet und bietet auch für Lehrer und andere Akteure der historisch-politischen Bildungsarbeit zahlreiche methodische Anregungen und Informationen.

>>Hier<< gibt es den Leitfaden (PDF zum Download)

Gefördert wurde der Leitfaden mit den Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung.