Bild:  Rainer Buchwald

Rainer Buchwald, Berlin (Berlin)

"'Durchschnittlich intelligent und sehr vergammelt?' Meine eigene Vergangenheit kann nur ich ins rechte Licht rücken."

Thema: Flucht/Ausreise/Freikauf, politische Haft, Heimerfahrungen, Kirche, Mauerfall 9. November 1989, Bildung/Erziehung, historische Aufarbeitung

Biographische Angaben

7.12.1950 geboren in Berlin-Friedrichshain
1962-1965 Spezialkinderheim für schwererziehbare Kinder in Sigrön
1965-1967 Lehre als Betonfacharbeiter
1967 Arbeits- und Erziehungslager für Jugendliche in Rüdersdorf, MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Pankow, Durchgangsheim Berlin-Alt-Stralau
1967-1968 Jugendwerkhof Lehnin
1973-1977 Arbeitslager in Berndshof bei Ückermünde wegen angeblichem "asozialen Verhalten", Strafverlegung in die Vollzugsanstalt Neustrelitz,
1974 Nachverurteilung wegen der angeblichen Planung einer Flucht aus der Haft zu 15 Monaten, nach Nahrungsverweigerung Verlegung in das Haftkrankenhaus Bützow
bis 12.1.1977 Haftanstalt Bautzen I
1978
Heirat, Tätigkeit als Seelsorger (Unterdiakon)
1989 versuchte Flucht am Dresdener Bahnhof
ab 1993 Rehabilitierung für politische Verfolgung
2009 Beitritt in die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), heute stellvertretender Bundesvorsitzender

Publikationen

Grit Poppe: Ausbruch aus Rüdersdorf. Rainer Buchwald und Clemens Lindenau, in: Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime, hg. v. Ines Geipel und Andreas Petersen, Wiesbaden 2009, S. 274-283.

Rainer Buchwald, Christian Sachse: Durchschnittlich intelligent und sehr vergammelt. Das illegale Arbeits- und Erziehungslager 1966/1967 in Rüdersdorf ("Auf Biegen und Brechen"; Bd. 3), Torgau 2014.

Kurzbeschreibung

Meine Kindheit verbrachte ich glücklich bei meinen Großeltern in Berlin-Friedrichshain. Meine Mutter besuchte mich jeden Tag, sie wohnte mit ihrem zweiten Mann und den drei gemeinsamen Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Zur Einschulung empfing ich Geschenke von der Partnergemeinde in Westdeutschland, ich besuchte den Religionsunterricht, ging nicht zu den Pionieren und wurde dafür von meinen Klassenkameraden verspottet. Zuhause hörten wir laut den RIAS und spätenstens mit der Flucht eines Nachbarjungen gerieten wir in das Blickfeld der Stasi. Sie warfen meinen Großeltern vor, mich nicht zu einer "sozialistischen Persönlichkeit" zu erziehen und wiesen mich, trotz der Einwände meiner Mutter, in das Spezialkinderheim Sigrön ein. Ich war 12 Jahre alt und wurde erst als 15-Jähriger entlassen, als es meiner Mutter gelungen war, eine größere Wohnung zu organisieren. Ich begann mit einer Lehre als Betonbaufacharbeiter, die ich aber nicht beenden konnte. Ein Lehrer sollte mich als Inoffiziellen Mitarbeiter für die Stasi werben. Als ich dies verweigerte und vom Anwerbeversuche erzählte, wurde ich in das Arbeits- und Erziehungslager Rüdersdorf gebracht. Bei der Entlassung verpflichtete ich mich, über das Erlebte zu schweigen. Wegen Staatsverleumdung und angeblicher Republikflucht wurde ich 1973 verhaftet und in Strafvollzugseinrichtungen gesperrt. Im Januar 1977 wurde ich in die DDR entlassen. Bis zum Ende der DDR ließ die Staatsmacht mich in Ruhe. Ich arbeitete als Seelsorger in unserer Gemeinde und beteiligte mich an den Montagsdemonstrationen. Schon 1993 wurde ich rehabilitiert und setze mich für die Belange von Menschen ein, die Ähnliches durchgemacht haben wie ich.

Gedenktafel am ehemaligen Durchgangsheim Alt-Stralau

Nach fünfjährigem unermüdlichen Einsatz von Betroffenen, Historikern, Stralauer Bewohnern und Politikern wurde im April 2016 eine Gedenk- und Informationstafel zum Durchgangsheim Alt-Stralau in Berlin enthüllt: Sie gedenkt der Opfer, erinnert an das Unrecht und soll am historischen Ort zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen. Die Tafel wurde von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördert.

Weitere Informationen

„DDR-Bürger entern die Züge in die Freiheit“ – Nach den berühmten Worten Hans-Dietrich Genschers am Abend des 30. Septembers 1989 in der bundesrepublikanischen Botschaft in Prag, als er den dort campierenden DDR-Bürgern mitteilte, „… dass heute ihre Ausreise…“ möglich wurde, wurde der Abtransport der dort Wartenden gemäß den Bedingungen der DDR organisiert. Dieser sollte mit Zügen stattfinden und über das DDR-Staatsgebiet fahren, um die Bürger offiziell auszuweisen. Die Züge sollten in Dresden halten, was sich trotz Geheimhaltung in der DDR herumgesprochen hatte. Tausende Fluchtwillige belagerten die einfahrenden Züge und versuchten, in oder auf die Waggons zu kommen. Die SED-Führung ließ den Bahnhof und die Schienenstrecken von der Transportpolizei abriegeln und veranlasste schon ab dem dritten Zug, dass diese in Dresden nicht mehr halten, sondern weiterfahren sollten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fluchtwilligen. Zeit Online, 6.10.2014.

Berichte und Interviews

"Kindheit hinter Gittern" - Rainer Buchwald berichtet von den Inhaftierungen in Arbeitslagern und Heimen in seiner Jugendzeit. Märkische Allgemeine, 30.7.2013.

"Spezialheime der DDR-Jugendhilfe im Land Brandenburg" - Studie von Dr. Christian Sachse. Zeitzeugeninterview mit Rainer Buchwald über die Lebens- und Arbeitsbedingungen, das Erziehungs- und Strafsystem im Spezialkinderheim Sigrön, S.91-94; Über den Jugendwerkhof Lehnin auf den Seiten 97-100.

"DDR-Arbeitslager in Rüdersdorf" - Rainer Buchwald über seine Inhaftierung und die Misshandlungen im Arbeitslager. Berliner Zeitung, 12.3.2015.

Finanzierung von Zeitzeugengesprächen

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro des Bundes bietet Finanzierungsmöglichkeiten für Veranstaltungen mit Zeitzeugen. Die Mitarbeiter sind zu erreichen unter Tel. 030 / 98 60 82 414/447 oder Email: info@ddr-zeitzeuge.de.

Informationsblatt Finanzierung

Tipps für das Gespräch für Zeitzeugen und für Lehrende

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro ist eine gemeinsame Servicestelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Stiftung Berliner Mauer. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Ein Leitfaden für Lehrkräfte

Der Leitfaden liefert Lehrkräften und Bildungsmultiplikatoren praktische Hinweise zur Organisation und Durchführung, zur Moderation sowie zur Vor- und Nachbereitung von Zeitzeugengesprächen. Er informiert über Gepräche am historischen Ort und bietet weiterführende Literatur.

Sie können den Leitfaden hier kostenfrei bestellen oder als PDF herunterladen.

DDR-Geschichte vermitteln


Diese Website sammelt Materialien und Medien, Handreichungen und Praxisreflexionen zur historisch-politischen Bildung über das Thema „DDR-Geschichte“. Verflechtungen mit der westdeutschen Geschichte und europäischen Kontexten sind berücksichtigt. Ein Schwerpunkt liegt hier auf kostenlos verfügbaren Online-Ressourcen. Ein Projekt des Bildungswerks der Humanistischen Union NRW

Zeitzeugenerinnerungen und -interviews

Im Archiv der Bundesstiftung Aufarbeitung finden sich zahlreiche Zeitzeugen- erinnerungen, die als lebensgeschichtliche Interviews vor allem Auskunft über das Wirken in Opposition und Widerstand, aber auch über Haftzeiten und Lageralltag geben.

Eine Übersicht über weitere Archiv- und Erinnerungsorte, die Zeitzeugeninterviews aufbewahren, finden Sie hier [mehr]

Zeitzeugengespräche führen

Bleib nicht stumm ...

Leitfaden für Zeitzeugengespräche

Der Leitfaden für Zeitzeugengespräche, veröffentlicht vom Grenzlandmuseum Eichsfeld, gibt anschauliche Tipps und Anleitungen zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Interviews mit Zeitzeugen.

Die Broschüre ist für Schüler didaktisch aufbereitet und bietet auch für Lehrer und andere Akteure der historisch-politischen Bildungsarbeit zahlreiche methodische Anregungen und Informationen.

 >>Hier<< gibt es den Leitfaden (PDF zum Download)

Gefördert wurde der Leitfaden mit den Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung.

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Samstag, 27 Mai 2017 - Heute vor 65 Jahren

27.5.1952 Beginn des IV. Parlament der FDJ in Leipzig mit Anerkennung der führenden Rolle der SED, Bekenntnis zu Lehren von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Übernahme des Prinzips des „Demokratischen Zentralismus“