Bild: Dr. Renate Werwigk

Dr. Renate Werwigk, Berlin (Berlin)

"Nun können meine ebenfalls geflohenen, mauergeschädigten, sterbenden Eltern im heimatlichen Friedhof Teupitz ihre Ruhe finden."

Thema: Flucht/Ausreise/Freikauf, Hafterfahrungen/MfS, Mauerbau 13. August 1961

Biografisches

1938 in Königs Wusterhausen (Brandenburg) geboren
1953 wegen Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde der Oberschule verwiesen
1956 Abitur
1956-1958 Medizinstudium und zunächst Exmatrikulation wegen "Fehlkenntnis in Marxismus-Leninismus"
erneute Zulassung zum Studium
1962 Staatsexamen und Promotion
1963 erster Tunnel-Fluchtversuch und Verhaftung durch das MfS
Haft in Rostock und Frankfurt (Oder)
1967 zweiter Fluchtversuch über Bulgrien
Inhaftierung im MfS-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen und im Frauengefängnis Hoheneck (Stollberg/Erzgebirge)
1968 Freikauf durch die Bundesrepublik
1968-1977 Weiterbildung zum Kinderarzt
1977-2003 Kinderarztpraxis in West-Berlin

Kurzbeschreibung

Anfang 1990 kam ich in den Besitz meiner ausführlichen Stasi-Akte. Als Mitglied der Jungen Gemeinde wurde ich der Oberschule verwiesen und erhielt zunächst keine Zulassung zum Abitur, da ich mich weigerte der FDJ beizutreten. Später studierte ich Medizin und unternahm im Anschluss zwei Fluchtversuche. Das MfS vereitelte beide und verhaftete mich zweimal. 1968 kaufte mich die Bundesrepublik frei. In der Stasi-Akte werde ich mit meinem Mädchennamen (Renate Großmann) geführt.  All dieses motivierte mich, nach meiner altersmäßigen beruflichen Zur-Ruhe-Setzung, ab 2004 in Abiturklassen von Gymnasien im Geschichtsunterricht als Zeitzeugin zu referieren. Dieses erfolgte bisher in München-Ottobrunn, Oberhaching Reutlingen und vielen weiteren Ortschaften. Auch in der Umgebung Berlins war ich z.B. in Babelsberg oder Kleinmachnow als Zeitzeugin tätig und engagiere mich somit für die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur.

In der Familie: Erinnerungen an Flucht und Haft

Renate Werwigk-Schneider wollte raus aus der DDR. Zweimal wurde sie verhaftet, 1968 freigekauft. Ihre Enkelin Mirjam Werwigk schildert, wie sie das erste Mal davon erfuhr und, was diese Erinnerungen an die Vergangenheit heute für sie bedeuten.

"Mitten durch das Wasser verlief die Grenze. Wer ans andere Ufer schwimmen wollte, wurde erschossen." So oder so ähnlich erklärte Renate Werwigk-Schneider bei einem Spaziergang am Wannsee im Jahre 2003 meiner 13-jährigen, aus München stammenden Cousine, dass es in Deutschland eine Grenze gegeben hat. Sowohl meine Cousine, als auch meine Schwester und ich, sind im Süden aufgewachsen und hatten von dieser Grenze wenn überhaupt nur sehr vage Vorstellungen gehabt. Allesamt sind wir um die Zeit der Wende geboren und wussten daher wenig über die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die mit dem Mauerfall eingetreten waren. Mit dem Umzug meines Großvaters nach Berlin zu seiner zweiten Frau Renate Werwigk-Schneider, wurde diese zu einem Teil unserer Familie und damit auch die Erzählungen von  Tunneln, Kontrollen und Mauern, von geheimen Plänen, Fluchtversuchen und Verhaftungen - kurz: ihre Lebensgeschichte.

Ich selbst war immer schon geschichtsinteressiert und wollte bereits als Kind von meinen Eltern viel über die "böse Regierung" während des Nationalsozialismus wissen. Im Alter von 14 Jahren wurde mir gewahr, dass es noch eine andere "böse Regierung" in Deutschland gegeben hatte, die nicht nur Menschen, die ausreisen wollten, verhaften ließ und inhaftierte, sondern sogar eine hohe Mauer errichtete, mittels derer sie die Menschen zwang zu bleiben. Diese Lebenswelt in der DDR wurde uns durch Renate Werwigk-Schneider vermittelt, unter anderem in den Zeitzeugengesprächen, die sie an den Schulen der "Enkel" abhielt.

Mein hierdurch befeuertes Geschichtsinteresse führte dazu, dass ich mich während meines Abiturs mit der Opposition in der DDR beschäftigte und meine mündliche Prüfung über die Ausbürgerung Wolf Biermanns ablegte. Auch in meinem Jura- und Philosophiestudium vertiefte ich mein Wissen über deutsche Rechtsgeschichte und Fragen von Recht, Gerechtigkeit und Freiheit. In den Anfangsjahren meines Studiums lies mich Renate Werwigk-Schneider die Urteile lesen, die zu ihren Haftstrafen geführt hatten, und besuchte mit mir die Gedenkstätte Hohenschönhausen, wo sie eingesessen hatte. Heute bin ich Referendarin im Justitiariat der Stiftung Aufarbeitung und erhalte neben rechtlicher Ausbildung viele interessante und spannende Einblicke in die Arbeit der Stiftung.

So hat in unserer Familie der Erlebnisbericht wohl in zweierlei Richtung gewirkt: Zum einen hat er der jungen Generation die Augen dafür geöffnet, was in unserer Demokratie schützenswert und elementar wichtig ist. Zum anderen wird er seither von Renate Werwigk-Schneider in zahlreichen Interviews und Treffen mit Schulklassen und Publikationen als Teil der Geschichte, die nicht vergessen werden darf, weitergegeben.

Mirjam Werwigk ist am Bodensee aufgewachsen. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Uni Tübringen. Im Sommer 2016 zog sie nach Berlin und absolvierte ihre letzte Referendariatsstation im Justiziariat der Bundesstiftung Aufarbeitung. Kurz vor ihrem ersten Tag hat sie erfahren, dass Renate Werwigk-Schneider seit vielen Jahren als Zeitzeugin die Arbeit der Bundesstiftung unterstützt.

Zeitzeugeninterview mit Dr. Renate Werwigk

Im Auftrag der Bundestiftung Aufarbeitung interviewten Hans Sparschuh und Rainer Burmeister von Heimatfilm GbR Renate Werwigk als Zeitzeugin des Mauerbaus von 1961. Das vollständige Interview befindet sich im Archiv der Bundesstiftung. Im Folgenden werden einige Ausschnitte daraus gezeigt.

Kooperation

Finanzierung von Zeitzeugengesprächen

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro des Bundes bietet Finanzierungsmöglichkeiten für Veranstaltungen mit Zeitzeugen. Die Mitarbeiter Jessica Steckel und Michael Lotsch sind zu erreichen unter Tel. 030 / 98 60 82 414/447 oder Email: info(at)ddr-zeitzeuge.de

Informationsblatt Finanzierung

Das Koordinierende Zeitzeugenbüro ist eine gemeinsame Servicestelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Stiftung Berliner Mauer. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Umfangreiche Materialiensammlung für den Unterricht

DDR-Geschichte vermitteln


Diese Website sammelt Materialien und Medien, Handreichungen und Praxisreflexionen zur historisch-politischen Bildung über das Thema „DDR-Geschichte“. Verflechtungen mit der westdeutschen Geschichte und europäischen Kontexten sind berücksichtigt. Ein Schwerpunkt liegt hier auf kostenlos verfügbaren Online-Ressourcen. Ein Projekt des Bildungswerks der Humanistischen Union NRW

Zeitzeugeninterviews

Verzeichnis

Übersicht über Archiv- und Erinnerungsorte, die Zeitzeugeninterviews aufbewahren [mehr]

Zeitzeugengespräche führen

Bleib nicht stumm ...

Leitfaden für Zeitzeugengespräche

Der Leitfaden für Zeitzeugengespräche, veröffentlicht vom Grenzlandmuseum Eichsfeld, gibt anschauliche Tipps und Anleitungen zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Interviews mit Zeitzeugen.

Die Broschüre ist für Schüler didaktisch aufbereitet und bietet auch für Lehrer und andere Akteure der historisch-politischen Bildungsarbeit zahlreiche methodische Anregungen und Informationen.

 >>Hier<< gibt es den Leitfaden (PDF zum Download)

Gefördert wurde der Leitfaden mit den Mitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Kalender

Sonntag, der 25. September 2016 - Heute vor 60 Jahren

25.9.1956: In einer Feierstunde wird das neue Transatlantik-Telefonkabel eingeweiht, das zum ersten Mal die direkte Übertragung der Sprache im öffentlichen Fernsprechverkehr zwischen Nordamerika und Europa ermöglicht.